Seit einigen Tagen fühle ich eine sonderbare Weichheit in mir, fast so etwas wie ein Flattern im Bauch. Es ist, als ob ein Neubeginn greifbar wäre, mit all der Vorfreude und Unsicherheit, die das mit sich bringt, verbunden mit der Wehmut, etwas Gewohntes loszulassen.
Begonnen hat dies alles mit einer tiefen Sehnsucht nach Ruhe. Ja, in den letzten Wochen verspürte ich einen starken Drang nach Stille und Rückzug. Mein Alltag mit Familie und Beruf hält diesen Raum nicht ohne weiteres für mich bereit, also durfte ich ihn mir bewusst schaffen. Es ist eine stets wiederkehrende Entscheidung für mich, zu der es Selbstbewusstsein braucht. Ich darf mir meiner Bedürfnisse bewusst werden und dann dafür einstehen. Das trainiere ich täglich und es fordert mich oft ziemlich heraus, dabei meine Grenzen liebevoll im Auge zu behalten.
Stille finde ich am ehesten in der Natur. Zunächst fand ich einen herrlichen Platz an einem kleinen Bach, mitten im Wald. Eine Erle neigt sich an einer schmalen Stelle so über den Bach, dass ich mich am einen Ufer sitzend über das Wasser hinweg an ihren Stamm lehnen kann. Unter mir fließt es und das schenkt mir stets eine ganz eigene Erfahrung von „gehalten und gleichzeitig mit der Bewegung verbunden sein“. In diesem Raum stellte ich meiner inneren Weisheit Fragen zu meinem Weg. Eine sehr deutliche und wichtige Eingebung war dabei: „Die Antworten auf deine Fragen erhältst du in der Stille.“ Im Grunde wusste ich das, doch nun wurde mir das noch einmal deutlich vor Augen geführt. Und ich nahm mir vor, mich so oft es geht in die Stille zu begeben.
An diesem Ort kamen mir folgende Worte in den Sinn: „Ich darf mich daran erinnern, dass ich wie das Wasser bin: fließend, bewegt, klar, weich, leicht, lebendig, sprudelnd (vor Begeisterung und Ideen), fröhlich, freudig, ausdauernd, stetig, kraftvoll.“ Und gleichzeitig sind meine Wurzeln fest im dunklen, fruchtbaren Schoß von Mutter Erde verankert und ich recke meine Krone hinauf zum Licht, zum Himmel – wie die Erle, an der ich lehne. All das bin ich.
Und immer wieder erhielt ich in meinen Meditationen und Introspektiven die Botschaft: „Gehe vom Kopf ins Herz, vom Verstand ins Gefühl!“ Ich weiß, dass das genau mein Thema ist, was ich mir ansehen darf. Ich war so lange viel zu oft verstandesorientiert, habe diese in der Kindheit erworbene und in der Schule ausgebaute Konditionierung weiter ins Berufsleben getragen, und letztlich auch – genährt durch die täglichen Verpflichtungen – im Privaten praktiziert. Dass mir das nicht gut tut ist mir schon längst klar und mein Körper hat mich mit der über Jahre regelmäßig wiederkehrenden Migräne immer vehementer darauf hingewiesen. Irgendwann habe ich das begriffen und in meinem Umgang mit mir selbst etwas geändert. Nun bin ich auf dem richtigen Weg, auf dem Weg zu mir – und es darf noch so vieles heilen. Schicht um Schicht zeigt sich. Das Fühlen will jetzt endlich vollkommen durch mich verkörpert werden. Die bewusst gewählten Momente der Stille helfen mir dabei.
Ich erinnerte mich an ein Buch, das ich vor Jahren in einem Buchladen entdeckte – ohne nach etwas Derartigem zu suchen – und spontan kaufte. Es heißt „In der Stille hörst du dich selbst“ von Miek Pot. Damals hatte ich nur die ersten Kapitel gelesen und mich dann anderer Lektüre zugewandt. Das ist mein Lesestil: meist lese ich mehrere Bücher gleichzeitig (verschiedene Sachbücher und Romane). Je nach Stimmung und Zeit greife ich zu dem einen oder anderen. Doch Mieks Buch geriet in Vergessenheit. Jetzt stand es ganz präsent vor meinem inneren Auge, mit dem in sanftem Grün leuchtenden Foto eines Waldes auf dem Einband. Wie magnetisch wurde ich davon angezogen und las es innerhalb weniger Tage aus. Ja, genau das war es, was ich im Augenblick brauchte! Diese Rückbesinnung auf die Stille, auf das Fühlen. Oh, wie viele wohltuende Impulse Miek darin gibt. Beim Lesen ging ich vollständig in Resonanz mit ihren Worten und ihrem Erleben. So sagt sie beispielsweise: „Um zu sich selbst zu finden, und bei sich bleiben zu können, ist das Fühlen als besondere Form der Wahrnehmung äußerst wichtig.“
Seitdem bin ich oft im Wald gewesen, zuletzt am Fuße einer alten Buche sitzend, die Stabilität in meinem Rücken spürend. Und ich habe nur wahrgenommen: den Duft, die Geräusche, die Luft auf meiner Haut und die Bewegungen in meinem Innern. Selbst einen Regenschauer habe ich unter dem noch dichten Blätterdach des ehrwürdigen Baumes erlebt und dabei zauberhafte Eindrücke gewonnen. Ich beobachtete mich: Welche Gefühle treten an die Oberfläche? Wo fließen sie hin? Und ich erhielt Antworten auf meine Frage nach dem nächsten Schritt. Ich gewann Klarheit, Ruhe, Gelassenheit.
Und immer wieder – ganz besonders bei meinen Aufenthalten in der Natur, in der Stille – tauchte die Erkenntnis in mir auf: FÜHLEN = HEILEN. Wie wohltuend es ist, einfach nur zu fühlen und dadurch unmittelbar in das Hier und Jetzt zu kommen. Es ist ein beständiges Üben. Stets aufs Neue versuche ich, die Position des inneren Beobachters einzunehmen. Sobald sich mein Verstand in Gedankenspielen verfängt, tippe ich innerlich die Stopp-Taste und lenke meine Aufmerksamkeit bewusst vom Kopf auf meinen Atem, fühle den Boden unter meinen Füßen oder die Sitzfläche unter meinem Po, spüre die Strukturen, die meine Finger berühren, nehme Gerüche wahr. Ich bin vollkommen im Gefühl und damit im Herz. Diese Momente sind unglaublich heilsam.
Die Stille und das Ausruhen helfen mir enorm dabei, meinen Fokus mehr und mehr auf das Spüren auszurichten. Und mein Körper zeigt mir seit einigen Tagen, dass ich mir noch mehr davon gönnen darf. Da ist eine Müdigkeit in mir, eine Schwere auf meinen Augen, die mich dazu einlädt, langsamer zu machen, Pausen einzulegen. Schon ist da noch mehr Raum für das Fühlen. In diesem Kontinuum des Ruhens und Fühlens kann meine Vision von meinem künftigen Leben wesentlich klarer und physisch erfahrbar in mir aufsteigen, ich spüre eine Vorfreude darauf, die gar nicht infrage stellt, dass es irgendwann einmal so kommen wird. Diese Gewissheit schenkt mir Frieden. Zugleich gibt mir mein Inneres klare Impulse, worauf ich mich als nächstes konzentrieren darf – kleine Schritte hin zu meiner Vision, die erst einmal meine Heilung, mein vollständiges Ankommen bei mir unterstützen sollen. Zum Beispiel bekam ich den Hinweis, wieder zu malen. Etwas, das ich als Kind täglich tat und was mir immer unglaublich viel Freude geschenkt hatte. Das ist ein Puzzleteil, das mich mehr ins Fühlen bringt, dessen bin ich mir bewusst. Und jedes Mal spaziere ich strahlend aus dem Wald nach Hause – beruhigt, erfüllt, zuversichtlich.
Im Moment bin ich innerlich ganz weich und das genieße ich so sehr. Bei all den Herausforderungen des Alltags vergegenwärtige ich mir immer wieder diese schönen Momente der Stille und all das, was sich mir dabei zeigt. Sobald das Gedankenkarussell beginnt, sich zu drehen, atme ich und erinnere mich daran, alles nicht so ernst zu nehmen, mich stattdessen auf das pure Fühlen zu fokussieren und mich daran zu erfreuen, dass ich dazu fähig bin. Und mein innerer Raum wird ganz weit.
Welch eine wunderbare Zeit, um in die Tiefe zu tauchen.
Magst Du Dich auch darauf einlassen, vom Denken immer wieder ins Fühlen zu gehen und dadurch deinen Wesenskern, deine Seele zu berühren?