Gönn dir einen Augenblick der Stille

Immer dann, wenn ein Termin in kurzer Folge den nächsten ablöst, sich Themen häufen, die dringend bearbeitet werden wollen, fühle ich eine tiefe Sehnsucht nach Ruhe. Das empfinde ich von Jahr zu Jahr deutlicher. Es kann natürlich etwas mit dem zunehmenden Alter zu tun haben 😉. Aber ich fühle, es hängt ebenso mit der aktuellen Zeitqualität zusammen, die uns dazu einlädt, aufzuwachen. Die Sache ist nur: Wirklich aufwachen kann ich nicht, wenn ich mich stets vom Außen ablenken lasse, wenn ich „zu beschäftigt bin“, um achtsam zu sein.

Am liebsten würde ich in diesen Momenten alles stehen und liegen lassen, in den Wald gehen, mich auf weichem Moos niederlassen und dort liegenbleiben. Die Vorstellung, mich für ein paar Monate aus allem zurückzuziehen gewinnt an Reiz. Doch dann wird mir klar, dass ich das eigentlich so drastisch gar nicht will. Meine Familie würde ich schon nach einem Tag irrsinnig vermissen und ich sehne mich doch danach, etwas zu bewegen.

Kennst du auch solche Tage?

Unsere Welt scheint sich immer schneller zu drehen, wird an so vielen Stellen hektischer und lauter. Ja, oftmals sehe ich eine Haltlosigkeit, in der wir uns bewegen. Und das haben nicht nur die vergangenen zwei Jahre mit sich gebracht. Diese rasante Fahrt läuft schon länger – du nimmst das sicher ähnlich wahr, sonst wärst du nicht auf diesen Blogbeitrag gestoßen 😉. Wir müssen gut aufpassen, um davon nicht vereinnahmt zu werden. Wie gelingt uns das?

Wir müssen uns nicht radikal aus dem Leben zurückziehen, um Ruhe zu finden. Ich glaube, eine der wichtigsten Zutaten dafür ist es, wenn wir nach dem Frieden, dem Raum der Stille in uns Ausschau halten, der immer da ist. Wenn wir uns erlauben, in der ganzen Hektik des Alltags zwischendurch einmal innezuhalten. Wenn wir uns immer wieder bewusst machen, dass wir diesem oder jenem nicht hinterher hetzen müssen, dass etwas warten darf, dass wir NEIN sagen können. Wir dürfen für uns sorgen und uns die Atempausen verschaffen, die wir brauchen. Geben wir uns diesen Raum, können wir uns in unserem Inneren sicher, kraftvoll, ja geliebt fühlen und tragen das entsprechend nach außen.

Dieses Innehalten können kleine Oasen mitten im Tagesablauf sein. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Montagmorgen vor einigen Monaten, als ich an meinem Laptop saß und meinen Posteingang bearbeitete. Auf einmal wurde mein Blick von einer Bewegung am Fenster angezogen: Ein Admiral hatte sich auf den Fenstersims gesetzt und sich in der Sonne aufgewärmt. Ich verweilte einen Moment in der Betrachtung dieses zarten Geschöpfes und erfreute mich an seiner Schönheit. Von ganz allein verlangsamte sich mein Atem und ich spürte das Bedürfnis, tief ein- und auszuatmen. Mmh tat das gut, einfach einmal für ein paar Augenblicke still zu verharren, nichts zu tun, nur zu atmen. So, wie es der Schmetterling vormachte.

Heute habe ich mir vor dem Beginn meines Arbeitstages einen kleinen Gartenrundgang – die Kaffeetasse in der Hand – geschenkt. Da war wieder die Amsel, die jeden Morgen und jeden Abend auf der höchsten Spitze einer Fichte sitzt und ihr Lied zwitschert. Sie ist einfach da, singt, lebt in diesem Augenblick. Wie schön, einfach nur zu sein! Auf meinem Weg an den Beeten entlang begrüßen mich die Pflanzen, ich spüre die Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht, atme die frische Luft. Ich bin. Diese kleine morgendliche Auszeit schenkt mir so viel Kraft, dass ich mich frage, warum ich das nicht an jedem Tag mache 😉.

Mir hilft zum Beispiel auch meine tägliche Yoga-Routine oder eine fünfminütige Atemerfahrung vor Arbeitsbeginn – zum „Ankommen“. Manchmal ist es eine kleine Meditation in der Mittagspause. Ab und zu gönne ich mir am Nachmittag einen kurzen Spaziergang entlang der Felder und Wiesen, nicht weit von unserem Haus. Angelehnt an einen alten Baum kann ich einfach nur sein. Ich spüre in mich hinein, lausche darauf, was mir mein Körper vielleicht erzählen will und höre im Hintergrund das Rauschen der Blätter. Manchmal ist es die Tasse Tee, die ich mit geschlossenen Augen – eingekuschelt in weiche Sofakissen – genieße, um danach mit frischer Kraft den Hausputz zu starten. Oder ich unterbreche die Essensvorbereitung, wenn im CD-Player ein Lieblingslied von mir läuft, drehe etwas lauter und fühle für einige Augenblicke einfach nur die Musik in mir. All das gibt mir unglaublich viel Kraft und kostet doch so wenig Aufwand 😊.

Kreierst du dir auch manchmal solche kleinen Oasen?

In unserem turbulenten und durchgeplanten Alltag tut es uns allen ganz sicher gut, wenn wir uns zwischendurch diese Minipausen gönnen. Und seien es nur ein paar Atemzüge, während derer wir an nichts denken und lediglich in unseren Körper hineinspüren. Vielleicht empfinden wir dann das Bedürfnis, kurz die Schultern zu lockern oder die Handgelenke zu kreisen. Und wir dürfen uns fragen: Was fühle ich gerade?

Dadurch kommen wir uns selbst wieder näher. Wir holen uns zu uns selbst zurück, wenn das Außen uns wieder einmal ein Stück von uns weggetragen hat.

Natürlich lasse ich mich noch allzu oft von den vielen Pflichten und Terminen mitreißen und vergesse das „Luftholen und einfach SEIN“. Doch wenn ich mich daran erinnere und es bewusst zelebriere, spüre ich wieder, wie wohltuend es ist. Und mit der Zeit dürfen diese heilsamen Rituale ein fester Bestandteil meines Tagesablaufs werden. Das Lernen endet nicht.

Wie erlebst du deinen Alltag? Gibt es dort genügend Raum, dich zurückzuziehen und einfach nur zu SEIN?

Baust du vielleicht schon zwischendurch kleine Inseln des Aufatmens ein, die dir mitten in einem stressigen Tag Energie schenken?

Was nährt dich?

Wenn du Lust hast, teile hier gern deine Erfahrungen. Vielleicht inspirierst du damit den einen oder die andere?

Diese kleinen achtsamen Augenblicke helfen uns übrigens ebenso dabei, uns mehr und mehr in ein bewusstes, reflektierendes Verhalten hineinzubewegen. Ich selbst habe festgestellt, dass – egal in welchen Prozessen ich mich gerade befinde, unabhängig davon, welche Umstände sich mir zeigen – wirklich das Wichtigste ist, immer wieder in die Stille zu gehen, innezuhalten und innerlich einen Schritt zurückzutreten. Und aus diesem Zustand heraus auf die Situationen zu schauen, die ich gerade erlebe, und vor allem mich selbst dabei zu beobachten. Und mir selbst zu erlauben, das zu fühlen, was ich in diesem Moment fühle.

Ein wunderbarer Nebeneffekt dabei ist: Auf diese Weise entdecken wir allmählich auch unsere ureigenen Fähigkeiten wieder, die womöglich lange in uns vor sich hingeschlummert haben. Alles, was wir für ein erfülltes Leben brauchen, ist bereits in uns vorhanden. Mit Hilfe der Stille „graben“ wir es nur aus unserem Inneren aus. Denn jede Eigenschaft, die im achtsamen Umgang mit uns selbst und mit anderen zum Vorschein kommt, ist ein Ausdruck unseres wahrhaftigen Selbst.

Magst du dir nun auch des Öfteren einen Augenblick der Stille gönnen? Ich lade dich herzlich dazu ein und gebe dir als kleinen Impuls dieses wundervolle Gedicht von Ernst Ferstl mit auf deinen Weg:

In der Stille angekommen

In der Stille angekommen
gehe ich in mich,
stehe ich zu meinen
Stärken und Schwächen,
liegen mir mein Leben
und die Liebe
am Herzen.
In der Stille angekommen,
sehe ich mich, dich, euch
und die Welt
mit anderen Augen,
mit den Augen des Herzens.
In der Stille angekommen,
höre ich auf mein Inneres,
spüre ich Geborgenheit,
lerne ich Gelassenheit,
tanke ich Vertrauen.

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